Urbanes Passivdorf

Im Innsbrucker Stadtteil Reichenau steht seit 2009 eine der größten Passivhaus-Wohnanlagen Europas. Weitere Neubauten und umfassende Sanierungsmaßnahmen in der Nachbarschaft machen das Viertel zum energiepolitischen Vorzeigeobjekt.

Dass sie hier wohnt, sei Zufall, lacht Astrid Cappella. Der Zufall heißt Alena und geht in der Zwischenzeit schon in die Volksschule. Für zwei Kinder war dem Ehepaar Cappella die alte Wohnung zu klein, 2008 wurde ein Ersatz gesucht, groß genug musste er sein, je ein Zimmer für Daniele, den älteren, und die kleine Alena. „Am Wohnungsamt der Stadt Innsbruck machte man mich auf den Neubau in der Reichenau aufmerksam, dort seien die Wohnungen dementsprechend groß“, erinnert sich Astrid Cappella, die eigentlich nicht in diesen Innsbrucker Stadtteil ziehen wollte.

„Heute“, sagt sie, „wohne ich gern da.“ Sie genießt vom Balkon aus den Blick Richtung Süden auf den Patscherkofel, den Innsbrucker Hausberg, wo 1964 erstmals olympisch abgefahren wurde und sich 1976 der Kärntner Franz Klammer mit Abfahrtsgold in Österreich weltberühmt machte. Astrid Cappella genießt aber auch einen anderen Blick, nämlich den auf ihre Heizungsabrechnung – elf Euro zahlt sie das Jahr über im Monat. Wenig Geld, doch der niedrige Heizwärmebedarf für die 95-Quadratmeter-Wohnung entspricht dem, was sich Bauträger, Architekten und Forscher von der Siedlung erwarteten, wohnt doch Astrid Cappella in einer der größten Passivhaus-Wohnanlagen Europas.

Dort wo in Innsbruck der Fluss Sill in den größeren Inn mündet, standen einst – nur durch eine Straße getrennt – eine Textilfabrik und eine Kaserne. Die Fabrik, wo traditioneller Tiroler Loden hergestellt wurde, fiel im Jahr 2001 einem Großbrand zum Opfer, die Kaserne fünf Jahre später dem österreichischen Sparstift. Für Innsbruck ein Glücksfall, standen doch damit mehr als 50.000 Quadratmeter Grund mitten in der Stadt zur Verfügung. Dringend notwendiger Grund für den Wohnbau, der vorerst am Lodenareal von zwei Bauträgern – der gemeinnützigen Neuen Heimat Tirol (NHT) und dem privaten Immobilienentwickler Zima – in Angriff genommen wurde.

Anfang 2007 entschied sich die Neue Heimat, die geplanten 354 Sozialwohnungen im Passivhausstandard zu errichten, die Zima konzipierte ihre 128 Eigentumswohnungen auf Niedrigenergieniveau.

„Die Zusammenarbeit zwischen der Projektleitung, den Architekten und der Qualitätssicherung war hier vorbildlich – das hat es erlaubt, einen bereits weitgehend ausgearbeiteten Entwurf noch zuverlässig und bei vertretbaren Zusatzinvestitionen auf Passivhausqualität umzuplanen und so auszuführen“, resümierte Wolfgang Feist, Professor für Bauphysik an der Universität Innsbruck und sozusagen Vater des Passivhauses, anlässlich der Fertigstellung der NHT-Gebäude Ende 2009. Effiziente Dämmung, Dreischeiben-Verglasungen und eine Komfortlüftung mit Wärmerückgewinnung sorgen für den niedrigen Heizwärmebedarf. Zwei Grundwasserbrunnen werden zur Vorerwärmung bzw. -kühlung der Luft eingesetzt, der Restenergiebedarf für Heizung und Warmwasser wird mit einer 1.000 Quadratmeter-Solarfläche sowie mit Fernwärme abgedeckt. Für Wärme in den Wohnungen sorgt eine Fußbodenheizung – und auch das nur im Badezimmer vollflächig, in den anderen Räumen ist die Heizung an den Randzonen zur Außenwand verlegt. „Im ersten Winter habe ich gar nicht geheizt“, blickt Astrid Cappella auf ihren Einzug Ende 2009 zurück.

Mehrjährige Messungen, durchgeführt von Energie Tirol, dem Arbeitsbereich Energieeffizientes Bauen der Uni Innsbruck, der AEE Intec und dem IFZ - Interuniversitäres Forschungszentrum, bestätigen das subjektive Wärmegefühl von Cappella. Der Heizwärmeverbrauch für das erste Messjahr betrug 13,59 kWh pro Quadratmeter im Jahr, das zweite Messjahr lag mit 14,55 kWh knapp darüber, aber immer noch unter dem Passivhauskennwert von 15 kWh. Auch andere – in 18 Wohnungen gemessene – Komfortparameter (Raumluftfeuchte, CO2-Konzentration in den Wohn- und Schlafzimmern) belegen den Passivhaus-Komfort gegenüber einer ebenfalls geprüften Niedrigenergiehauswohnanlage. Im Zuge der Studie durchgeführte Bewohnerbefragen zeigen eine hohe Zufriedenheit mit Wohnung, Heizung und Lüftung, zudem sei auch alles benutzerfreundlich.

Die am Lodenareal gesammelten Erfahrungen konnte die Neue Heimat nur wenige Monate später auf der anderen Straßenseite erneut umsetzen. Denn 2008 erhielt Innsbruck den Zuschlag für die Austragung

der ersten Winter Youth Olympic Games im Jahr 2012, somit entstand in der Stadt das O3, das dritte Olympische Dorf, auf dem Areal der ehemaligen Eugen-Kaserne – während der Spiele als Athletendorf, danach als Wohnanlage für die Bevölkerung Innsbrucks. Zwischen der Entscheidung des IOC, Architektenwettbewerb, Kasernenabriss, Baubeginn und -ende vergingen nicht ganz drei Jahre, im Oktober 2011 war Innsbruck um 13 Gebäude mit 444 Passivhaus-Wohnungen reicher.  2011 war auch das Jahr, in dem die Neue Heimat einen energetischen Beschluss fasste, nämlich nur noch im Passivhausstandard zu bauen. „Entscheidend waren einerseits die Vorgaben seitens der Wohnbauförderung Tirol, andererseits die NHT-interne Intention, nachhaltige Gebäude zu schaffen und zu bewirtschaften“, erklärt Hannes Gschwentner, Direktor der Neuen Heimat, „Wir haben bereits Ende der 90er-Jahre erste Schritte in diese Richtung unternommen, um energieeffizient in das neue Jahrtausend zu gehen.“

Die mehr als 900 Wohnungen gaben dem Stadtteil Reichenau nicht nur ein neues – regelmäßig von internationalen Experten und Medien besuchtes – Gesicht, sie brachten auch neue Einwohner, vor allem junge mit Nachwuchs. Zu spüren bekam das die rund 500 Meter Luftlinie entfernte Volksschule, die 2009 von der Immobiliengesellschaft der Stadt Innsbruck (IIG) in Niedrigenergiehausbauweise um sechs Tagesheimklassen und einen Mehrzwecksaal erweitert werden musste. 2013/14 schließlich ging man die Sanierung der in den 60er Jahren gebauten, größten Volksschule Westösterreichs an. „Wir wollten wissen, welche Auswirkungen eine rein thermische Gesamtsanierung auf die Luftqualität wie z.B den CO2-Anstieg und das Temperaturverhalten der Schule außerhalb der Heizperiode – Sonneneinstrahlung und Wärmeabgabe der Schüler – haben wird, mit dem Ziel, die Sinnhaftigkeit von Komfortlüftungsanlagen nachzuweisen“, berichtet IIG-Mitarbeiter Hannes Gstrein, der für das Energiekonzept verantwortlich war.

Man suchte die Zusammenarbeit zur Uni Innsbruck, Fabian Ochs, ein Mitarbeiter des Arbeitsbereichs Energieeffizientes Bauen, erstellte eine Studie mit dem Ergebnis, dass eine lüftungslose Sanierung nicht möglich ist.

„Die Sanierung erfolgte schließlich mit Passivhaus-

komponenten mit dem Ziel, einerseits den Energie-verbrauch um zwei Drittel zu senken, andererseits die Lebensqualität – Raumluft und Übertemperatur – in den Räumen auf ein zeitgemäßes Niveau zu bringen“, so Gstrein. Dies wurde durch verbesserten Schall- und intelligenten Sonnenschutz, durch eine mechanische Be- und Entlüftung sämtlicher Klassen, Nachtkühlkonzept etc. erreicht. Der Heizwärmeverbrauch  sollte laut IIG von 168 auf 21 kWh fallen, LED-Lampen bringen, sagt Hannes Gstrein, allein in den zwei Turnsälen eine Stromersparnis von 70 bis 75 Prozent. Gstrein: „Die Erkenntnisse, die wir bei dieser Sanierung gewonnen haben, setzen wir künftigen Erneuerungsmaßnahmen um, wollen aber mit den Sanierungskosten nach unten.“


Noch mehr Sanierungs-Know-how können IIG und NHT in den nächsten vier Jahren gewinnen – und das mit tatkräftiger Unterstützung der EU. Fördermittel von 27,5 Millionen stehen in dem Projekt SINFONIA zur Verfügung, mit dem Innsbruck und die Südtiroler Landeshauptstadt Bozen – zumindest stadtteilweise – zu Smart Cities werden sollen. Für Innsbruck stellt davon die EU der NHT und IIG rund 3,7 Millionen Euro bereit, mit denen innovative und energieeffiziente Maßnahmen zur hochwertigen Gebäudesanierung – teilweise auf Passivhaus-Niveau – entwickelt, umgesetzt und wissenschaftlich begleitet werden sollen. „In Summe handelt es sich um über 500 Wohnungen“, nennt Hannes Gschwentner die Zahl der NHT-Objekte. Ein Teil davon – gebaut in den 50er und 60er Jahren –  befindet sich direkt auf dem Areal neben dem O3. Ebenso in direkter Nachbarschaft werden im sogenannten Pradler Saggen Gebäude aus den 40er bzw. 50er abgerissen und das Gelände – Gschwentner: „Der Architekturwettbewerb für das Geviert Pradler Saggen ist schon abgeschlossen.“ – neu verbaut, den Richtlinien der NHT entsprechend im Passivhausstandard.

Dass auf dem halben Weg vom Pradler Saggen Richtung Reichenauer Volksschule rund um die Kirche St. Paulus ebenso alte Bausubstanz durch ein neues Pfarrzentrum – Widum, Sakristei und Jugendzentrum – samt Kindergarten und -krippe sowie rund 70 Mietwohnungen ersetzt wird, rundet das Bild des urbanen Passivdorfs noch ab. Einzig das Gasthaus fehlt für das richtige Dorfleben, aber das Café, das im neuen Stadteilzentrum gebaut werden wird, dürfte dafür auch reichen.

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