Effiziente Wohnscheune

Rund 90.000 Einfamilienhäuser stehen in Tirol, viele davon sind Musterbeispiele in Sachen Energieeffizienz. So wie das Eigenheim von Mario Handle.

Eigentlich ist Österreich, das Land der Berge, ein Land der Wälder. Rund 48 Prozent der Fläche sind von Bäumen bedeckt, in Tirol sind’s beachtliche 40 Prozent. Zwischen Kufstein und dem Arlberg breiten sich vor allem Fichten, Lärchen und Tannen aus, als alpine Besonderheit wagt sich die Zirbe als frosthärteste Baumart in große Höhen vor. Eine Sekunde braucht’s nur, und in Österreichs Wäldern wächst ein Kubikmeter Frischholz nach, in 40 Sekunden also genug Baumaterial für ein Einfamilienhaus. Nicht ganz so schnell ging’s bei Mario Handle, sechs Monate dauerte es, bis im Jahr 2013 das Eigenheim für den Baumeister, seine Frau Christine und die drei Kinder einzugsfertig war. Ein Haus aus Holz und Lehm, ausgeführt vom heimischen Holz-Lehm-Spezialisten Holzbau Wegscheider, architektonisch auf das Wesentliche reduziert und trotzdem – mit einem Heizwärmebedarf von 19 kWh pro Quadratmeter im Jahr – ein Musterstück an Energieeffizienz. „Ein pragmatischer Kompromiss für eine fünfköpfige Familie“, meint Handle, der sich in seinem Arbeiten auf nachhaltige und leistbare (Holz-)Architektur spezialisiert hat und mit seiner „Wohnscheune“, wie er sein Eigenheim liebevoll nennt, beweist, dass ein energieeffizientes Einfamilienhaus kein High-Tech-Haus sein muss.

Biegt man in den kleinen Weg in Oberperfuss ein, ein 3000-Einwohner-Dorf auf einer Gebirgsterrasse rund 15 Kilometer westlich von Innsbruck, reihen sich drei Einfamilienhäuser aneinander, das dritte ist das der Handles. Schon das erste Haus fällt durch seine Holzkonstruktion auf. „Stimmt, ich habe auch dieses Haus gebaut“, lacht Mario Handle, „und bin dabei auf das Grundstück gestoßen.“ Nicht viel Platz, doch trotzdem genug Raum für Haus, Garten und Osteopathie-Praxis. 122 Quadratmeter Wohnfläche verteilen sich auf zwei Stockwerke, kein Quadratmeter wird an Gänge verschwendet. Im Erdgeschoß betritt man durch einen kleinen Vorraum den Wohn-Küchen-Bereich, von dem es drei Wege in den Garten gibt. Die Stiege in den ersten Stock mündet in das zweite Wohnzimmer – „Der Raum fürs Chillen“, so Handle.  Richtung Südosten geht’s

vom Chill-Room auf den Balkon mit herrlichem Blick auf die umliegenden Berge, die zwei Meter Tiefe plus fix verankerte Lärchenlatten geben den perfekten Sonnenschutz für die zwei Wohnzimmer, Sichtschutz im ersten Stock inklusive. „Im Sommer ist das Haus frei von direkter Sonneneinstrahlung“, hält der Hausherr fest, die natürliche Verschattung funktioniert ohne Markisen und ohne Strom.

In die andere Richtung gehen die Schlafzimmer ab, die drei kleinen für die Kinder gewinnen an Raum durch eingehängte Hochbetten. Das Bad ragt sozusagen aus dem Haus hinaus und bildet ein Dach für die zwei Parkplätze vor der Haustür. Die derart eingesparte Garage verdeutlicht das reduzierte Konzept des Hauses, dem auch der teure Keller erspart blieb – der für eine fünfköpfige Familie doch beträchtliche Stauraum findet in zwei Schuppen im Garten des Hauses Platz. Statt Garage und Keller wurde im Haus dafür – mit separatem Eingang – die Osteopathie-Praxis von Christine Handle untergebracht. Und alles ist in Holz gehalten.

Die Außenwände der „Wohnscheune“ bestehen aus 28 Zentimeter dicken Holzriegeln, „die Zwischenräume haben wir mit Holzfasern ausgeblasen. Eigentlich bin ich bei Dämmstoffen flexibel, nur Styropor kommt mir nicht ins Haus“, erklärt Handle. Der natürliche Dämmstoff Holzfaser bietet aber mehrere Vorteile. Einerseits verhindert er Wärmeverluste nach außen, andererseits bietet er einen effizienten Schutz vor eindringendem Lärm. Zudem verhindert die  Wärmespeicherfähigkeit der Holzfaser das Eindringen von Sommerhitze ins Haus. Verkleidet hat Handle sein Holzskelett, wie könnte es anders sein, auch mit Holz. „Die Außenwände umgibt eine raue Lärchenschale, außer an der Schattseite und im überdachten Eingangsbereich, da dort Holz nicht ausreichend trocknen könnte“, sagt der Betreiber eines Architektur-Büros, der sich an diesen Stellen mit einer Blechverkleidung behalf. Auch im Haus setzt die Familie Handle ganz auf den gemütlichen Charakter von hellem Holz. Sowohl bei den alten Möbeln als auch bei den Wänden. Die Innenseiten des Hauses sind mit einem Kiefernholzboden verkleidet, ebenso die Wände zwischen den Räumen. Bei diesen griff Handle auch auf einen traditionellen Baustoff zurück – Lehm. Und das in großen Mengen.

„Die Innenwände aus 17 Tonnen Lehm bilden den Gegenpol zum Holzriegel und lassen die Feuchtigkeit im Gebäude konstant bei 50 Prozent liegen“, beschreibt Handle nüchtern, was man bei über 25 Grad Sommertemperatur als wohlig-angenehm empfindet, den Aspekt einer gesunden Raumfeuchtigkeit inbegriffen: „Krank war von uns noch keiner, seit wir hier wohnen.“

Doch das Handle’sche Einfamilienhaus besticht nicht nur in Sachen Energieeffizienz und Wohlfühlatmosphäre, sondern auch in puncto Ökologie, allein schon durch den Baustoff Holz: Ein Kubikmeter Holz speichert 255 Kilogramm Kohlenstoff, der beim Wachsen durch Photosynthese aus rund einer Tonne Kohlendioxid gewonnen wurde. Der OI3-Index, ein vom Österreichischen Institut für Baubiologie und -ökologie entwickelter Leitindikator für die ökologische Qualität von Baustoffen, Bauteilen und Konstruktionen, liegt bei ausgezeichneten 27,9 Punkten. Ein Wert, den Handle ohne zwanghafte Öko-Architektur erreicht hat, auf den er aber stolz verweist. Stolz kann er auch auf den Heizwärmebedarf von 19 kWh und, so Handle, „aufs Jahr hochgerechnet Kosten von circa 600 bis 700 Euro für Heizung und Warmwasser“ sein. 

Die neben guter Dämmung dafür verantwortliche Haustechnik hat Mario Handle ins Gäste-WC verpackt und straft damit dem immer wieder vorgebrachten Argument, eine Wärmepumpe plus Haustechnik würde massiv viel Platz benötigen, Lügen. „Aus technischer Sicht könnte sie sogar noch mehr reduziert werden“, meint Handle. Das Wasser für die Wärmepumpe kommt mit Tiefenbohrung aus 80 Meter unterm Haus, über das System der Fußbodenheizung wird im Winter die Wärme im Haus verteilt, im Sommer passiv gekühlt. Zudem sorgt das gleiche Gerät für Warmwasser und Lüftung im Haus und hat – wie gesagt – im Gäste-WC Platz. „Nach etwas mehr als einem Jahr können wir sagen, dass sich das Konzept des Hauses voll bewährt hat“, sind sich Mario und Christine Handle einig.

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