Energie-Botschafter

Tiroler Unternehmen zeigen mit intelligenten und innovativen Lösungen, dass energieeffizientes Bauen nicht nur Privatsache ist.

Die Gebäude könnten unterschiedlicher nicht sein. Hier ein kompakter Längsbau, in die Landschaft geduckt, grauer Stahlbeton mit Glasfronten; dort ein futuristisches Kristall, stolz den Bergen entgegengereckt, lichtdurchflutetes Glas. 275 Kilometer Straße und mehrere Pässe liegen dazwischen. Hier ein Supermarkt in Pinswang, im Nordwesten Tirols, nur wenige hundert Meter von der deutschen Grenze entfernt; dort ein Forschungszentrum in Lienz, im Südosten des Landes, etwas mehr als zehn Kilometer sind es nach Kärnten. Die zwei Bauwerke bilden ein modernes architektonisches Empfangskomitee im Land – und sind gleichzeitig Botschafter eines energieeffizienten Tirol.

Seit 2012 steht das Lebensmittelgeschäft der Firma MPREIS, bei der Eröffnung war es der erste Passivhaus-Supermarkt Mitteleuropas. Der Kristall, eröffnet im Jahr 2010, ist Teil der Durst Digital Technology GmbH, die mit ihren Bauten bewusst auf ökologische Architektur am Standort setzt. Der Nahversorger und das Technologieunternehmen sind nur zwei Beispiele für zahlreiche Tiroler Betriebe, die Energie effizient einsetzen und – wo möglich – selbst aus erneuerbaren Ressourcen herstellen. „Für uns war die Photovoltaikanlage am Dach, um unseren eigenen Strom zu produzieren, das Sahnehäubchen“, sagt etwa Rainer Köllensperger, Geschäftsführer der Duschek Haustechnik GmbH. Das Unternehmen aus Thaur, eine 4000-Einwohner-Gemeinde nahe Innsbruck, errichtete vor fünf Jahren einen Neubau, der, so Köllensperger, „in puncto Energiesparen alle Stückerln spielt“ und in dem die hauseigene Kompetenz anschaulich realisiert wurde. „Unser Firmengebäude ist unser Demonstrationsobjekt“, berichtet Duschek-Betriebsleiter Martin Wanner, „für einen Kunden setzten wir seinen Neubau eins zu eins um.“

Auch die Passivhaus-Supermärkte von MPREIS – der zweite wurde 2014 in Natters bei Innsbruck eröffnet – sind internationale Demonstrationsobjekte. Im Jänner 2015 besuchte eine chinesische Regierungsdelegation das Lebensmittelgeschäft in Natters, im Februar war ein südkoreanisches Fernsehteam zu Gast.

„Ausschlaggebend waren sicherlich der Umweltschutz und die Intention, Energiekosten zu sparen“, erklärt Unternehmenssprecherin Ingrid Heinz den Weg zum Passivhaus-Supermarkt. Der 1920 gegründete Tiroler Familienbetrieb geht seit jeher eigene Wege und wurde schon mehrfach für nachhaltiges Wirtschaften (sämtliche 238 Filialen werden mit CO2-freiem Öko-Strom aus Tiroler Kleinwasserkraft beliefert, das Unternehmen zählt zu den größten Photovoltaik-Betreibern Österreichs) und sein regionales Angebot ausgezeichnet. National und international prämiert wurde er aber auch für die Vielfalt der baulichen Formensprache, mit der über 40 Architekten die einzelnen Filialen zu individuellen Supermärkten gestalteten. „Die größte Anforderung war“, erinnert sich Heinz, „im Vorfeld die baulichen Mehrkosten und deren Amortisierung zu berechnen.“

Unterstützung holte man sich vom Passivhaus Institut Innsbruck, das die Planung durch Architekt Raimund Rainer wissenschaftlich begleitete. Die Gebäudehülle aus Stahlbeton – das Material lieferte das benachbarte Betonwerk – wurde innen gedämmt, ein Windfang, Glasschiebetüren sowie ein Torluftschleier verhindern im Eingangsbereich auch bei hohem Kundenaufkommen ein übermäßiges Eindringen kalter Außenluft, „gelüftet“ wird mittels kontrolliertem Luft-Austausch. Tiefkühlgeräte mit Dreifachverglasung und Kühlmöbel mit Glastüren sorgen für eine Energieersparnis von 50 Prozent, trotzdem kann allein mit der Abwärme sämtlicher Kühlgeräte mit Wärme-Rückgewinnung-Technologie das gesamte Gebäude geheizt werden.

„Die besonderen Anforderungen an ein Gebäude, die sich aus der Lagerung und dem Verkauf von frischen Lebensmitteln ergeben, wurden hier in geschickter Weise genutzt“, beschreibt Wolfgang Feist, Gründer des Passivhaus Instituts und Professor für den Arbeitsbereich Energieeffizientes Bauen an der Uni Innsbruck, das Konzept. Ein Konzept, das in der Praxis dem Passivhaus-Standard von 15 kWh/m2 Heizwärmebedarf entspricht und den errechneten Primärenergiebedarf von 300 kWh/m2 um rund 30 kWh/m2 sogar unterbietet. Die benötigte Energie – „Im Vergleich zu einem „konventionellen“ Supermarkt sparen wir 50 Prozent der Energie“, sagt Ingrid Heinz – liefert man selbst: Die Photovoltaik-Anlage auf dem Dach erzeugt auf das Gesamtjahr mehr Strom, als der Supermarkt verbraucht.  Insgesamt werden pro Jahr rund 10.000 Liter Heizöl bzw. 32,5 Tonnen CO2 eingespart. "Wir rechnen mit einer Amortisierung der höheren Baukosten nach fünf bis zehn Jahren“, bilanziert Heinz über das Pilotprojekt

in Pinswang, dem schon bald zwei weitere Passivhaus-Supermärkte folgen werden: Im Sommer 2015 wird in Patsch oberhalb von Innsbruck der dritte eröffnet, gleichzeitig wird am Eingang des Ötztals mit dem Bau von Nummer 4 begonnen.

Mehr Geld für Neubauten nahm man auch bei Durst Digital Technology GmbH in die Hand. „Die Kosten lagen rund 22 Prozent über einer konventionellen Ausführung“, bestätigt Richard Piock, Geschäftsführer des aus dem Südtiroler Brixen stammenden Spezialisten für Kopier- und Drucktechnik. Die Digital Technology wurde 1999 im Osttiroler Lienz gegründet, da damals, so Piock, im Raum Brixen kaum Personal mit mechatronischem Hintergrund verfügbar war: „In Lienz war es mit der HTL-Mechatronik in ausreichender Menge und Qualität vorhanden.“ Das Forschungszentrum schließlich siedelte man in Lienz wegen der gegenüber Italien besseren Forschungsförderung, dem besserem Zugang zu Universitäten, Forschungseinrichtungen und Netzwerken im deutschsprachigem Raum an: „Uns ging es darum einen attraktiven, modernen Bau zu errichten, der gleichzeitig in die Landschaft passt, fast schon eine Personal-Marketing-Maßnahme. Die jungen Forscher sollten bei Ansicht des Kristalls sagen: ‚Pah, da möchte ich arbeiten.“

Der Südtiroler Architekt Paul Seeber entwarf den Kristall mit einem speziellen Verglasungssystem. Richard Piock: „Zwischen der gläsernen Innenhaut  und der Außenhaut aus Glas liegen Wintergärten, die mit Pflanzen unterschiedlicher Blattart pro Stock bestückt sind. Durch Verdunstungskühlung bringt das im Sommer rund vier Grad Kühlung.“ Eine ausgefeilte Haustechnik (Fußbodenheizung, Betonkernaktivierung zur Kühlung, Wärmepumpe etc.) sorgt dafür, dass der 14.000-Kubikmeter-Glasbau mit 3170 Quadratmeter Labor-und Bürofläche im Jahr nur 130.000 kWh Strom für Heizung verbraucht, was circa 13.000 Liter Heizöl entspricht. Zum Vergleich: Die schon bestehende Halle und das Verwaltungsgebäude wurden im Zuge des Neubaus auf Wärmepumpe umgestellt, der Ölverbrauch wurde damit von 60.000 Liter auf 5.000 Liter zur Spitzenabdeckung reduziert. 2014 schließlich wurden nochmals 17 Millionen Euro in einen weiteren Neubau investiert „Bei der neuen Produktionshalle der Durst Industrial Inkjet Appli-

cation GmbH wollte man bewusst, als Zeichensetzung für Osttirol, das sich als unberührter Naturraum markenmäßig präsentieren will, ein LEED-zertifiziertes Haus mit hoher Energieeffizienz schaffen. Die Kosten hier lagen rund 26 Prozent über einem konventionellen Bau“, sagt Piock.

Doch MPREIS und Durst sind keine Einzelfälle, wenn es um energieeffizientes Bauen in Tirol geht. In Hochfilzen eröffnete im Dezember 2013 das Fairhotel, ein 3-Sterne-Hotel mit Biofrühstück und das erste Passiv-Energie-Hotel Tirols. Der Bauunternehmer Fröschl setzt in seiner neuen passivhausstandard-entsprechenden Firmenzentrale in Hall auf die Speicherfähigkeit von Beton, um mittels thermischer Bauteilaktivierung energiesparend zu heizen und zu kühlen. Holzbau Aktiv verwendet sein Bürogebäude in Ranggen, das erste Passiv-Bürohaus Tirols, als praktisches Vorzeigebeispiel für Kunden – so wie Duschek Haustechnik.

„Vom Passivhausstandard sind wir aber weit entfernt“, gibt Rainer Köllensperger zu, „aber mit unserer intelligenten Lösung der Haustechnik sind wir sehr sparsam im Energieverbrauch – und produzieren mit der hauseigenen PV-Anlage sogar einen Überschuss.“ Zum Einsatz kommen am Markt erhältliche Standardkomponenten wie Wärmepumpe oder Wärmetauscher, diese allerdings gut miteinander verknüpft. Das Grundwasser liefert im Winter die Energie für die Fußbodenheizung sowie Be- und Entlüftung in dem komplett verglasten, aber fensterlosen Bürogebäude (Martin Wanner: „Das Vorwärmen der Belüftung läuft zu 80 Prozent über Wärmerückgewinnung.“), im Sommer sorgt das Grundwasser direkt über „Heiz“schläuche in der Betondecke für eine angenehme Atmosphäre.

„Die Anlage ist so eingestellt, dass um fünf bis sechs Grad gegenüber der Außentemperatur abgekühlt wird“, erklärt Wanner das System, das jedes Büro individuell mit Heizung, Kühlung und Belüftung „betreut“. Der 1,5 Meter tiefe Dachvorsprung sorgt zudem im Sommer für natürliche Beschattung. Der jährliche Stromverbrauch – und das ist auch der Gesamtenergiebedarf im Jahr – beläuft sich auf 45.000 bis 50.000 kWh, produziert werden mit der 60 kWp-Photovoltaikanlage rund 60.000 kWh. „Wir sind kein Passivhaus, dafür aber ein Plus-Energiehaus“, meint Köllensperger über die Firmenzentrale des 60-Mann-Betriebs – ein kleines Schmuckstück als weiterer Botschafter eines energieeffizienten Tirol.

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